Hören
Zeitrichtigkeit und Impulstreue
Zwischen Marketingbegriff und messbarer Eigenschaft: eine nüchterne Einordnung dessen, was Zeitrichtigkeit leistet und was nicht.
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Zeitrichtig heißt: Alle Frequenzanteile eines Signals verlassen den Lautsprecher in derselben zeitlichen Ordnung, in der sie hineingingen. Ein Impuls bleibt ein Impuls und wird nicht in mehrere zeitlich versetzte Anteile zerlegt. Messtechnisch entspricht das einem über die Frequenz konstanten Phasenverlauf, ablesbar in der Sprungantwort.
Warum die meisten Lautsprecher es nicht sind
Drei Ursachen wirken zusammen. Erstens dreht jede Frequenzweiche die Phase, und zwar umso stärker, je steiler sie trennt. Zweitens sitzen die Chassis an unterschiedlichen Stellen der Schallwand, sodass ihre akustischen Zentren unterschiedlich weit vom Ohr entfernt sind. Drittens wirkt jede Bassabstimmung als Hochpass mit eigener Phasendrehung.
Alle drei sind Konstruktionsentscheidungen, keine Nachlässigkeiten. Eine steile Weiche schützt den Hochtöner und hält die Chassis in ihrem linearen Bereich. Wer sie flacher macht, gewinnt Phasenlinearität und verliert Belastbarkeit.
Was sich davon hören lässt
Hier lohnt Nüchternheit. Belegt ist, dass grobe zeitliche Fehler hörbar sind: ein verpolter Weg, ein Chassis, das deutlich zu früh oder zu spät einsetzt, eine ausgeprägte Gruppenlaufzeitspitze in den Mitten. Die Hörbarkeitsschwellen für Gruppenlaufzeit liegen in den Mitten bei etwa ein bis zwei Millisekunden, siehe Phasengang und Gruppenlaufzeit.
Weniger eindeutig ist der Fall bei zwei sorgfältig entwickelten Lautsprechern, von denen einer phasenlinear ist. Hörer beschreiben regelmäßig eine ruhigere, klarer gestaffelte Abbildung, insbesondere bei perkussivem Material und bei Stimmen. In kontrollierten Vergleichen fällt der Effekt kleiner aus als in offenen Hörsitzungen. Wer daraus ableitet, dass nichts dran sei, geht zu weit; wer daraus ein Ausschlusskriterium macht, ebenfalls.
Konstruktive Wege
Ein Wandler für den ganzen relevanten Bereich. Ohne Weiche gibt es im Übertragungsbereich keine Phasendrehung durch Filter. Das leisten Breitbänder und der Biegewellenwandler, beide mit Einschränkungen beim Pegel.
Flache Weichen plus geometrischer Ausgleich. Filter erster Ordnung drehen wenig, verlangen aber Chassis, die weit über ihren Einsatzbereich hinaus sauber arbeiten. Der Laufzeitausgleich erfolgt über eine geneigte oder gestufte Schallwand.
Digitale Entzerrung mit FIR-Filtern. Der technisch sauberste Weg, verfügbar in aktiven Konstruktionen. Er korrigiert Phase und Amplitude getrennt, kostet aber Latenz und setzt voraus, dass die Korrektur für den Hörplatz und nicht nur für die Achse gilt.
Die Einordnung für den Kauf
Zeitrichtigkeit ist ein sinnvolles Kriterium, wenn sie nicht isoliert betrachtet wird. Ein Lautsprecher, der sie erreicht, hat meist auch an anderen Stellen Sorgfalt erfahren, denn der Aufwand ist erheblich. Umgekehrt gibt es hervorragende Lautsprecher mit steiler Weiche, deren Stärke im gleichmäßigen Abstrahlverhalten liegt.
Wer den Effekt für sich prüfen will, nimmt Material mit klaren Einsätzen: Besen auf der Snare, gezupfte Saiten, Cembalo, Klavieranschläge. Achten Sie nicht auf den Klang des Anschlags, sondern darauf, ob er als ein einziges Ereignis erscheint oder als kurze Abfolge. Passendes Material steht unter Referenzaufnahmen.
Häufige Fragen
- Ist ein zeitrichtiger Lautsprecher automatisch der bessere?
- Nein. Zeitrichtigkeit ist eine Eigenschaft unter mehreren und wird meist mit Zugeständnissen an anderer Stelle erkauft, etwa beim Maximalpegel oder bei der Flankensteilheit der Weiche. Ein zeitrichtiger Lautsprecher mit unruhigem Abstrahlverhalten klingt im Raum schlechter als ein sauber abstrahlender ohne Phasenkorrektur.
- Kann Software Zeitrichtigkeit herstellen?
- Mit FIR-Filtern lässt sich der Phasengang unabhängig vom Amplitudengang korrigieren, das ist etablierte Technik in Aktivlautsprechern. Der Preis ist eine Verzögerung von einigen Millisekunden, was bei Video eine Lippensynchronisation erfordert.
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