Hören
Hörphysiologie: wie aus Druck Wahrnehmung wird
Das Innenohr ist ein Frequenzanalysator mit erstaunlicher Zeitauflösung. Wer weiß, wie er arbeitet, versteht viele Kenngrößen der Messtechnik anders.
Zuletzt geprüft am
- Hörbereich
- etwa 20 Hz bis 20 kHz, altersabhängig oben deutlich weniger
- Empfindlichster Bereich
- 2 bis 5 kHz
- Dynamikumfang
- etwa 120 dB zwischen Hörschwelle und Schmerzgrenze
- Zeitliche Auflösung
- Laufzeitunterschiede ab etwa 10 Mikrosekunden auswertbar
Schall ist eine Druckschwankung in der Luft. Damit daraus Wahrnehmung wird, muss diese Schwankung mehrere Umwandlungen durchlaufen, und jede davon prägt, worauf das Gehör empfindlich reagiert.
Der Weg durch das Ohr
Die Ohrmuschel bündelt und färbt den Schall richtungsabhängig ein. Diese Färbung ist keine Störung, sondern eine Informationsquelle: Sie ermöglicht die Unterscheidung zwischen vorn, oben und hinten, wo Laufzeitunterschiede zwischen den Ohren nichts hergeben.
Der Gehörgang wirkt als kurzes offenes Rohr mit einer Resonanz zwischen etwa zwei und vier Kilohertz. Genau in diesem Bereich ist das Gehör am empfindlichsten, und genau dort fallen Fehler eines Lautsprechers am schnellsten auf.
Am Trommelfell wird die Druckschwankung zur mechanischen Bewegung. Die drei Gehörknöchelchen übertragen sie auf das ovale Fenster und passen dabei die Impedanz an: Luft ist ein leichtes Medium, die Flüssigkeit im Innenohr ein schweres. Ohne diese Anpassung würde der größte Teil der Energie reflektiert.
Im Innenohr läuft die Bewegung als Wanderwelle über die Basilarmembran. Diese Membran ist am Eingang steif und schmal, in der Spitze weich und breit. Dadurch erreicht jede Frequenz ihr Maximum an einer anderen Stelle. Hohe Töne wirken am Anfang, tiefe am Ende. Das Innenohr ist damit ein mechanischer Frequenzanalysator.
Die Haarzellen an diesen Stellen wandeln die Auslenkung in Nervenimpulse. Die äußeren Haarzellen sind dabei nicht nur Sensoren, sondern verstärken aktiv und schärfen die Frequenzselektivität. Ihr Ausfall, etwa durch Lärm, kostet nicht nur Empfindlichkeit, sondern auch Trennschärfe. Deshalb klingt Musik nach einer Lärmschädigung nicht nur leiser, sondern auch unschärfer.
Was daraus für die Technik folgt
Die Frequenzauflösung ist nicht überall gleich. Das Gehör arbeitet in sogenannten Frequenzgruppen, deren Breite mit der Frequenz zunimmt. Zwei Töne innerhalb derselben Gruppe verschmelzen. Das ist der Grund, warum eine schmale Überhöhung im Frequenzgang oft weniger auffällt als eine breite von gleicher Höhe.
Die Zeitauflösung ist besser als die Frequenzanalyse allein erwarten ließe. Für die Ortung wertet das System Laufzeitunterschiede zwischen den Ohren im Bereich weniger Zehntausendstel Sekunden aus. Diese Doppelrolle als Frequenz- und Zeitanalysator erklärt, warum Kenngrößen wie Sprungantwort und Gruppenlaufzeit überhaupt relevant sind.
Die Empfindlichkeit hängt vom Pegel ab. Ein Lautsprecher, der bei Zimmerlautstärke ausgewogen wirkt, kann bei leisem Hören dünn klingen, ohne dass sich am Frequenzgang etwas geändert hätte.
Der Dynamikumfang ist enorm, die Belastbarkeit nicht. Zwischen Hörschwelle und Schmerzgrenze liegen rund zwölf Größenordnungen im Schalldruck. Gleichzeitig führt dauerhafte Belastung oberhalb von etwa 85 Dezibel zu bleibenden Schäden. Wer Lautsprecher testet, sollte den Pegel im Blick behalten, auch weil lauter fast immer besser klingt und die Beurteilung verfälscht.
Ein praktischer Hinweis
Die eigene Hörfähigkeit ist die Referenz für jede Kaufentscheidung, und sie ist messbar. Ein Hörtest beim Fachmann dauert eine halbe Stunde und beantwortet unter anderem, ob ein Seitenunterschied besteht. Ein Unterschied von wenigen Dezibel zwischen links und rechts verschiebt die Bühne dauerhaft und lässt sich mit keiner Aufstellung korrigieren, aber am Balanceregler ausgleichen.
Häufige Fragen
- Verliert man den Hochton mit dem Alter zwangsläufig?
- Ein Rückgang der oberen Grenzfrequenz ist normal und beginnt früh. Mit vierzig liegt sie häufig bei 15 Kilohertz, mit sechzig oft unter 12. Für Musik ist das weniger dramatisch als es klingt, weil dort kaum Grundtöne liegen, wohl aber Obertonanteile.
- Warum klingt leise Musik dünner?
- Die Empfindlichkeit des Gehörs ist frequenzabhängig und ändert sich mit dem Pegel. Bei geringer Lautstärke fallen Bass und Hochton stärker ab als die Mitten. Das beschreiben die Kurven gleicher Lautstärke, umgangssprachlich als Loudness-Effekt bekannt.
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