Hören
Hörermüdung: warum manche Anlage nach zwei Stunden anstrengt
Ermüdung ist das Kriterium, das im Vorführraum nie geprüft wird, und das im Alltag über Zufriedenheit entscheidet.
Zuletzt geprüft am
Manche Anlage lädt dazu ein, den ganzen Abend zu hören. Eine andere klingt beim ersten Stück beeindruckend, und nach zwei Stunden möchte man sie ausschalten. Der Unterschied hat Ursachen, die sich benennen lassen.
Die technischen Verdächtigen
Verzerrungen höherer Ordnung. Anteile ab der fünften Harmonischen stehen in keinem musikalischen Verhältnis zum Grundton und werden als Härte wahrgenommen. Sie steigen mit dem Pegel steil an, weshalb ein Lautsprecher, der knapp an seiner Grenze betrieben wird, sehr viel schneller anstrengt als einer mit Reserve, siehe Klirrfaktor und Verzerrungen.
Eine Überhöhung im Präsenzbereich. Zwischen zwei und fünf Kilohertz ist das Gehör am empfindlichsten. Eine Anhebung von drei Dezibel in diesem Band wirkt beim ersten Hören detailreich und wird nach längerer Zeit als Aufdringlichkeit empfunden. Dieser Effekt ist ein bekannter Mechanismus in Vorführungen, weil er anfangs für den besseren Eindruck sorgt.
Resonanzen mit langem Ausschwingen. Sie legen über wechselndes Material immer denselben Ton, den das Gehör als unnatürlich erkennt, ohne ihn benennen zu können. Sichtbar im Wasserfalldiagramm.
Zu wenig Nachhall im Raum. Ein stark bedämpfter Raum liefert kaum Rauminformation, und das Gehör arbeitet stärker, um Ereignisse einzuordnen. Genau deshalb sind extrem trockene Räume für längeres Hören unangenehm, siehe Nachhallzeit messen.
Der Pegel selbst. Über 85 Dezibel Dauerpegel wird Hören zur Belastung, unabhängig von der Qualität. Wer nach dem Hören ein Rauschen im Ohr wahrnimmt, war zu laut, und zwar nicht knapp.
Warum das im Vorführraum nicht auffällt
Ein Vergleichstermin dauert selten länger als eine Stunde, oft deutlich kürzer, und wird bei erhöhter Lautstärke geführt. Beides begünstigt genau die Abstimmung, die auf Dauer anstrengt: leicht angehobene Präsenz, kräftiger Oberbass, hoher Detailanteil.
Hinzu kommt die Gewöhnung. Das Gehör adaptiert innerhalb weniger Minuten an eine Klangfarbe und bewertet sie danach als normal. Ein direkter Vergleich in den ersten Sekunden ist deshalb aussagekräftiger als ein langer Eindruck, für die Ermüdungsfrage aber wertlos.
Was Sie praktisch tun können
Bestehen Sie auf einer Leihstellung, wenigstens über ein Wochenende, siehe Fachhandel und Direktvertrieb. Hören Sie dabei bewusst auch nebenbei: beim Lesen, beim Kochen, bei Arbeit im selben Raum. Nebenbeihören ist die schärfste Prüfung, weil Aufdringlichkeit dann sofort stört.
Achten Sie außerdem auf zwei Signale. Erstens auf den Griff zur Lautstärke: Wenn Sie eine Anlage im Lauf des Abends leiser drehen, stimmt etwas nicht. Zweitens auf die Materialauswahl: Wenn Sie unbewusst nur noch bestimmte Aufnahmen hören und andere meiden, hat die Anlage eine Vorliebe, mit der Sie auf Dauer leben müssen.
Der Zusammenhang mit der Auswahl
Ermüdungsarme Wiedergabe entsteht selten durch ein einzelnes Merkmal, sondern durch Reserve: ein Lautsprecher, der bei Ihrer üblichen Lautstärke weit unterhalb seiner Grenze arbeitet, ein Verstärker, der nicht ins Clipping kommt, ein Raum, der weder hallig noch tot ist. Das ist unspektakulär und lässt sich schlecht bewerben, entscheidet aber darüber, ob eine Anlage nach fünf Jahren noch benutzt wird.
Häufige Fragen
- Ist Hörermüdung nur eine Lautstärkefrage?
- Pegel ist der stärkste Einzelfaktor, aber nicht der einzige. Zwei Anlagen bei gleichem Pegel können sich deutlich unterscheiden, wenn eine davon Verzerrungen höherer Ordnung produziert oder eine schmale Überhöhung im Präsenzbereich hat.
- Wie erkenne ich Ermüdung im Vorführtermin?
- Kaum, denn dafür braucht es Stunden. Achten Sie deshalb auf die technischen Indizien: Klirrverlauf über den Pegel, Verlauf im Bereich zwischen 2 und 5 Kilohertz und Ausschwingverhalten. Eine Leihstellung über ein Wochenende ist die einzige belastbare Prüfung.
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