Raumakustik
Nachhallzeit messen und einordnen
Die Nachhallzeit ist die einzige Raumkennzahl, die sich in zehn Minuten messen lässt. Für Wohnräume liegt der Zielbereich niedriger, als viele vermuten.
Zuletzt geprüft am
- Kenngröße
- RT60, Zeit für 60 dB Abfall
- Zielbereich Wohnraum
- etwa 0,4 bis 0,6 s, über die Frequenz gleichmäßig
- Typisch unbehandelt
- 0,6 bis 1,0 s, im Bass deutlich länger
- Messaufwand
- Messmikrofon plus Software, etwa 10 Minuten
Die Nachhallzeit gibt an, wie lange es dauert, bis der Schallpegel nach dem Abschalten der Quelle um 60 Dezibel gefallen ist. Sie ist die älteste und immer noch nützlichste Kennzahl der Raumakustik, weil sie sich einfach messen lässt und unmittelbar mit dem Höreindruck zusammenhängt.
Welche Werte sinnvoll sind
Für Wohnräume, in denen Musik gehört wird, hat sich ein Bereich um 0,4 bis 0,6 Sekunden bewährt. Kürzere Zeiten wirken schnell steril und machen längeres Hören anstrengend, weil der Raum keinerlei eigene Antwort mehr gibt. Längere Zeiten verwaschen Details und verschlechtern die Ortung.
Wichtiger als der Absolutwert ist die Gleichmäßigkeit über die Frequenz. Ein Raum mit 0,4 Sekunden bei 4 Kilohertz und 1,2 Sekunden bei 60 Hertz klingt dumpf und träge, obwohl der Mittelwert unauffällig aussieht. Genau dieser Verlauf ist in möblierten Wohnzimmern der Normalfall, siehe Absorber und Materialien.
So messen Sie
Mit Messmikrofon und Software läuft es über denselben Sweep, den Sie ohnehin für den Frequenzgang aufnehmen. Die Software rechnet daraus die Abklingkurve und gibt RT60 je Frequenzband aus, meist in Oktav- oder Terzbändern.
Ohne Messtechnik geht es näherungsweise mit einem Klatschtest: In einem Raum mit deutlich hörbarem Nachklatschen oder gar Flatterecho zwischen parallelen Wänden liegt die Nachhallzeit zu hoch. Das ersetzt keine Messung, zeigt aber sofort, ob ein Flatterecho existiert, denn das hört man als metallisches Zirpen.
Ein Hinweis zur Praxis: Messen Sie nicht direkt vor einer Wand und nicht in der Raummitte, sondern am Hörplatz. Und messen Sie im Zustand, in dem Sie tatsächlich hören, also mit geschlossenen Türen und den üblichen Vorhängen.
Was Sie aus dem Ergebnis ablesen
Gleichmäßig um 0,5 Sekunden: Der Raum ist in Ordnung, weitere Absorption wäre kontraproduktiv. Arbeiten Sie an Aufstellung und Bassmoden.
Kurz oben, lang unten: Der klassische Wohnraumbefund. Es fehlt Bassabsorption mit ausreichender Tiefe, nicht weiteres dünnes Material an den Wänden.
Insgesamt über 0,8 Sekunden: Zu wenig Einrichtung, meist große glatte Flächen. Teppich, Vorhänge und ein gefülltes Regal bringen hier mehr als jedes Spezialprodukt.
Deutlich unter 0,3 Sekunden: Überdämpft. Das passiert in kleinen Räumen, die vollständig mit dünnem Absorbermaterial ausgekleidet wurden. Nehmen Sie Fläche zurück oder ersetzen Sie sie durch streuende Oberflächen.
Die Verbindung zur Lautsprecherwahl
Ein stark bedämpfter Raum lässt mehr Direktschall durch und macht Abstrahlfehler eines Lautsprechers weniger hörbar. Ein halliger Raum betont den Anteil an reflektiertem Schall, weshalb dort das Rundumverhalten des Lautsprechers wichtiger wird als der Verlauf auf Achse. Das ist ein Grund dafür, dass derselbe Lautsprecher in zwei Räumen unterschiedlich beurteilt wird, siehe Richtwirkung und Abstrahlverhalten.
Häufige Fragen
- Muss die Nachhallzeit über alle Frequenzen gleich sein?
- Anzustreben ist ein möglichst gleichmäßiger Verlauf. In der Praxis ist der Bass fast immer länger, weil vorhandene Einrichtung nur im Hochton absorbiert. Ein Anstieg zu tiefen Frequenzen um mehr als das Doppelte ist ein deutliches Zeichen für fehlende Bassabsorption.
- Gilt RT60 in kleinen Räumen überhaupt?
- Streng genommen nicht, weil die Voraussetzung eines diffusen Schallfelds unterhalb der Schröderfrequenz nicht erfüllt ist. Als Vergleichswert vor und nach einer Maßnahme bleibt die Messung trotzdem nützlich.
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